Auf dem Gelände von EHAM in Hausham ist über mehrere Jahrzehnte ein gewachsener Werk- und Arbeitsort entstanden. Wo ursprünglich Parkplätze und Garagen vorgesehen waren, steht heute das Zuhaus – kurz ZUH – als bauliche Weiterentwicklung dieses Bestands. Es ergänzt das bestehende Ensemble präzise und selbstverständlich – funktional, strukturell und gestalterisch.
Mit dem Wachstum des Standorts haben sich auch Arbeitsweisen, räumliche Anforderungen und Formen der Zusammenarbeit verändert. Das ZUH reagiert darauf mit einem eigenständigen architektonischen Ausdruck für zeitgemäßes Arbeiten im ländlichen Raum. Bestehende Strukturen werden nicht fortgeschrieben, sondern neu interpretiert – durch Reduktion, Klarheit und eine bewusste Haltung im Umgang mit Material, Raum und Detail.
Ziel war es, einen räumlichen Prototyp für Planung und konzentrierte Arbeit zu entwickeln, der auf zukünftige klimatische wie betriebliche Entwicklungen vorbereitet ist. Das Projekt entstand in enger Zusammenarbeit mit Marie Eham und dem Wiener Architekturbüro Ehrmann & Gruber, gemeinsam mit Dominik und Josef Eham sowie der Innenarchitektur-Abteilung von EHAM.
Der Entwurf des ZUH leitet sich unmittelbar aus dem Material ab. Ausgangspunkt war der Holzstapel – ein alltägliches Bild auf dem EHAM-Areal. Geschichtete Bretter, die durch Abstand, Orientierung und Luftzirkulation funktionieren. Dieses Prinzip wurde konstruktiv auf das Gebäude übertragen.
Die Fassade ist als mehrschichtiges System aus unbehandelter Tanne ausgebildet. Horizontal geschichtete Lamellen übernehmen Verschattung, Witterungsschutz und Filterwirkung zugleich. Die entstehenden Zwischenräume regulieren Belichtung und Klima und schaffen einen graduellen Übergang zwischen Außen und Innen.
Das Tragwerk ist als Holzrahmenkonstruktion im 2,50-Meter-Raster ausgeführt. Stützenfreie Flächen ermöglichen flexible Nutzung. Wände und Decken im Obergeschoss bestehen aus unbehandelter Fichte und Tanne, der Boden aus geschliffener Esche. Im Erdgeschoss ist ein geschliffener Nutzestrich ausgeführt, erdberührende Bereiche sowie der Aufzugskern sind in Sichtbeton realisiert.
Ein zentrales Element im Obergeschoss sind die perforierten Tannendecken. Die abgehängten, gelochten Holzplatten verbessern die Raumakustik deutlich und sind präzise in das Tragwerk integriert. Technik, Lüftung und Leitungen verlaufen gebündelt im Versorgungskern – sichtbar reduziert, funktional klar.
Details sind bewusst zurückgenommen. Edelstahl-Schalter sind bündig in die Holzoberflächen eingelassen, Radien weich ausgearbeitet, Übergänge zwischen Wand, Fensterrahmen und Decke exakt gefasst. Die Fensterrahmen aus Tanne bleiben sichtbar, ebenso die Holzfaserdämmung in ihrer konstruktiven Logik. Gestaltung entsteht hier nicht durch Hinzufügen, sondern durch Weglassen.
Das Gebäude folgt einem nachhaltigen Ansatz über den gesamten Lebenszyklus hinweg. Zellulose- und Holzfaserdämmung, Glasschaumplatten im erdberührenden Bereich, eine großflächige Photovoltaikanlage sowie das Prinzip der Demontierbarkeit ermöglichen langfristige Anpassung und Wiederverwendbarkeit. So entsteht ein Arbeitsort, der Konstruktion sichtbar macht, Material altern lässt und Flexibilität nicht behauptet, sondern baulich ermöglicht.
Das Gebäude ist als geschichtete Raumsituation organisiert. Zwei Ebenen bilden eigenständig nutzbare Arbeitsbereiche: oben eine ruhige Büroplattform, unten eine Atelier- und Multifunktionsfläche, die auch als regionaler Begegnungsort fungieren kann. Die klare Trennung ermöglicht unterschiedliche Arbeitsmodi – konzentriert, offen oder gemeinschaftlich.
Durch die bewusste Integration in den Hang entsteht eine räumliche Symbiose aus Arbeit und Erholung. Alle Arbeitsplätze bieten einen direkten Blick ins Grüne, ohne visuell zu überfordern. Eine Terrasse fügt sich selbstverständlich in die Topografie ein – wenige Schritte genügen, um ins Freie zu treten, mit Weitblick über Wiesen und weidende Kühe.
Die Erschließung erfolgt über eine außenliegende, überdachte Stahltreppe, ergänzt durch einen barrierefreien Aufzug im Kern sowie einen landschaftlich geführten Weg entlang des Hangs. Öffnungen sind gezielt gesetzt, um Ausblicke zu ermöglichen und zugleich Intimität zu wahren. Holzlamellen dienen als konstruktiver Sonnenschutz und reagieren differenziert auf unterschiedliche Sonnenstände.
Arbeitsplätze sind mit Abstand und im rechten Winkel zur Fassade angeordnet, um Blendungen, Reflexionen und akustische Störungen zu minimieren.
Das Zuhaus versteht sich nicht als abgeschlossenes Objekt, sondern als langfristig nutzbares und anpassbares Gebäude. Bauteile sind rückbaubar, Materialien wiederverwendbar, Strukturen flexibel gedacht. Nachhaltigkeit wird über den gesamten Lebenszyklus betrachtet – von der Planung über den Betrieb bis zur möglichen Umnutzung oder Demontage.
Fertigstellung: Januar 2026
Innenarchitektur: EHAM GmbH & Marie Eham
Architektonischer Entwurf / Konzept: atelier ehrmann:gruber (Christina Ehrmann, Christopher Gruber) & Marie Eham
Fotografie: 8am.aesthetics + David Schreyer